Warum Hilfe in Russland?
„Warum engagiert Ihr Euch gerade in Russland, und warum sollen wir dafür spenden?“ werden wir oft gefragt.
Ist Russland nicht ein reiches Land mit einem Wirtschaftswachstum von 6 - 7%?
Kaufen die Russen nicht ganze Fußballclubs wie Herr Abramowitsch in London oder steigt nicht Gasprom millionenschwer bei Schalke 04 ein? Wissen wir nicht aus vielen Urlaubsländern, wie Russen dort ihr Geld mit vollen Händen ausgeben?
Ja, all das stimmt. Und dennoch ist Russland in vielen sozialen Bereichen ein Entwicklungsland geblieben.
Die Reichen, die mit ihrem Geld um sich werfen, sind sehr oft nicht auf ehrliche Weise reich geworden, sondern durch Betrug zum Nachteil der Bevölkerung.
Das Geld des Staates wandert zu einem großen Teil in die Rüstung und in die Wiederherstellung des Imperiums.
Die Kluft zwischen der schmalen Schicht der Superreichen und den Armen wird immer größer.
Darauf können wir nur immer wieder hinweisen, ändern können wir daran von hier aus nichts.
Noch gravierender ist der Nachteil der Bevölkerungsteile, die überhaupt keine Lobby haben.
Die schwermehrfach geistig behinderten Menschen sind im Bildungsplan des Staates überhaupt nicht erfasst. Sie haben weder Zugang zu den Schulen, noch kommen sie bei den Arbeitsämtern vor. Sie gelten weiterhin als „nicht lern- und förderungsfähig“.
Und die Alten? Die Renten sind und bleiben sehr schmal, weit unter dem notwendigen Lebensminimum. Die Altenheime sind zu einem großen Teil in einem jammerswerten Zustand. So elend möchte keiner von uns untergebracht sein, wenn er nicht mehr in den eigenen vier Wänden leben kann.
Eine Ausbildung in Altenpflege oder gar in der psychosozialen Betreuung sind Fremdworte. Oft lautet die „Karriere“ der Mitarbeiter: Vom Kolchoseleiter zum Leiter eines Altenheims, von der Melkerin zur Altenpflegerin ohne jede Zwischenstufe.
Darum engagieren wir uns in Pskow:
Wir befähigen die Menschen dort, die Arbeit mit Alten, Behinderten und anderen Benachteiligten immer mehr selbst zu übernehmen. Wir wollen diese Stadt und diese Region zu einem sozialen Modell für Russland machen nach dem Motto „Gute Praxis macht Schule“.
Dieter Bach
Versöhnung, Solidarität,
Selbsthilfe
Motive unserer Arbeit
Am Anfang stand die Bitte um Versöhnung. Es war kein einfacher Weg, ab 1991 zunächst das Vertrauen der Verantwortlichen für die Stadt Pskow zu gewinnen, 50 Jahre vorher hatte die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen mit einem Vernichtungsfeldzug, der weithin „verbrannte Erde“ und auch verbrannte Menschen hinterließ. Unsere Versöhnungsbitte sollte sich nicht in Kranzniederlegungen und Reden erschöpfen (obwohl diese Reden, besonders die von Präses Peter Beier, enorm wichtig waren), wir wollten ein dauerhaftes Zeichen setzen. Es gewann Gestalt zunächst im Heilpädagogischen Zentrum, später in vielen weiteren Projekten, die inzwischen das soziale Klima der Stadt prägen. Die Bitte um Versöhnung wurde anschaulich – und sie wurde angenommen.
Inzwischen steht sie nicht mehr so im Vordergrund wie noch vor zehn, zwölf Jahren. Das Motiv der Solidarität, sicherlich von Anfang an vorhanden, ist immer stärker geworden. Solidarität mit denen, die in einem Land mit immensem Reichtum und schockierender Armut sich am untersten Rand der Gesellschaft finden und die keinerlei Lobby haben: den schwerstmehrfach körperlich und geistig Behinderten. Sie sind im Bildungsplan des Staates überhaupt nicht erfasst. Sie haben weder Zugang zu den Schulen, noch kommen sie bei den Arbeitsämtern vor. Sie gelten weiterhin als „nicht lern- und förderungsfähig“. In Pskow werden sie gefördert, besuchen sie die Schule, nämlich das Heilpädagogische Zentrum, haben als junge Erwachsene einen Arbeitsplatz, nämlich in den Werkstätten.
Eine andere Gruppe, ebenfalls am untersten Rand, sind die Alten, genauer: die armen unter ihnen, also die allermeisten. Die Renten sind und bleiben sehr schmal, weit unter dem notwendigen Lebensminimum. Die Altenheime sind zu einem großen Teil in einem jammerswerten Zustand. So elend möchte keiner von uns untergebracht sein, wenn er nicht mehr in den eigenen vier Wänden leben kann.
Es gibt weitere Gruppen: die Waisenkinder, die verwahrlosenden Jugendlichen. Dass sich das boomende Land nicht um sie kümmert, können wir nicht ändern, wir können nur immer wieder darauf hinweisen. Auch das ist ein Akt der Solidarität. Vor allem aber versuchen wir, auch für diese Gruppen Solidarität in verschiedenen Projekten konkret zu gestalten.
Klaus Eberl sagte im Mai 2003 in einer Rede in Pskow, er habe bei der Arbeit dort gelernt, „dass Menschen nicht perfekt sein müssen, dass Defizite, Leiden, Krankheiten und Fehler Bestandteile unseres Lebens sind. Seitdem lässt mich die Frage nach dem Menschenbild nicht mehr los. (…) Es gibt ein Menschenbild, das Behinderung ausschließlich als Belastung der Gesellschaft ansieht. Menschen mit Behinderung gelten als nicht förderfähig. Der Sinn des Lebens wird an der Leistungsfähigkeit gemessen. Das führt zu Ausgrenzung und Verwahrlosung, im Extremfall zu Beseitigung und Mord. Der deutsche Nationalsozialismus hat in der Zeit von 1933 bis 1945 dieses lebensfeindliche Menschenbild aufgegriffen. Im Zusammenhang mit dem Gesetz zur ‚Verhütung erbkranken Nachwuchses’ wurden Zwangssterilisierungen angeordnet und 260.000 Patienten aus den deutschen Heil- und Pflegeanstalten systematisch ermordet (Euthanasieaktion T 4). Sie galten als Volksschädlinge.“ Klaus Eberl wies in Pskow auch in aller Deutlichkeit auf das stalinistische System der Abschiebung in menschenunwürdige „Internate“ hin, das bis in die späte Zeit der Sowjetunion funktionierte. Und solche „Internate“ gibt es noch immer.
Hier wird der Bogen deutlich, der sich von den deutschen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und der daraus resultierenden Bitte um Versöhnung hin zum Gedanken der Solidarität spannt: Wir vergessen und verdrängen nicht die Verbrechen im Nationalsozialismus - wobei die Verbrechen im Stalinismus nicht ausgeblendet werden - und setzen ein christliches, solidarisches Menschenbild dagegen. Wo Versöhnung gelang, ist der Boden für Solidarität bereitet.
Ein drittes Motiv unserer
Arbeit wird immer wichtiger: Die Deutschen haben in den letzten anderthalb
Jahrzehnten in Pskow Anstöße in verschiedenen Bereichen gegeben. Ein großer
Teil der Verantwortung ist bereits in russische Hände übergegangen. Auf Dauer
soll sie ganz dort liegen. Deshalb organisieren wir Weiterbildungskurse in
Behindertenpädagogik, Altenpflege, in Sozialarbeit überhaupt. Es gibt bereits
russische „Multiplikatoren“, die nun selbständig engagierte russische
Menschen ausbilden. Auch das ist zunächst nur der Anfang eines langen Weges,
aber die Richtung ist klar. Wir befähigen die Menschen dort, die Arbeit mit Alten, Behinderten und
anderen Benachteiligten immer mehr selbst zu übernehmen. Wir wollen diese Stadt
und diese Region zu einem sozialen Modell für Russland machen.
Hilfe zur Selbsthilfe also und Solidarität mit denen ganz unten – wo bleibt da der Versöhnungsgedanke? Er hat sich nicht erledigt. Noch immer geht es um Erinnerung an und Trauer über früheres deutsches Unrecht gegenüber Russland und gegenüber Behinderten im eigenen Land. Es geht aber ebenso um ein verändertes Menschenbild, ein christliches Menschenbild, das keine „Untermenschen“ kennt, bei dem Behinderung kein Makel, kein Defekt ist, bei dem nicht Leistungen darüber entscheiden, ob jemand ein sinnvolles Leben führt. Es geht darum, nach vorn zu blicken, ohne Vergangenes zu vergessen.
Ekkehard Pohlmann-Heinze