Zu ihrer Mitgliederversammlung am 14. Oktober 2006 in Duisburg hatte die Initiative Pskow Dr. Heinz Timmermann und seine Frau Tamara eingeladen, über die soziale Lage in Russland zu sprechen. Der Russland-Experte Dr. Heinz Timmermann ist Vorstandsmitglied im Bundesverband deutscher West-Ost-Gesellschaften, dem auch die Initiative Pskow angehört, und Freier Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Seine Frau Tamara ergänzte sein Referat aus persönlicher Erfahrung. Ihre Herkunftsfamilie lebt in Moskau. Beide haben sich freundlicher Weise bereit erklärt, ihre frei vorgetragenen Analysen anhand der Stichpunkte in komprimierter Form zusammenzufassen.

 

 

Die Krise des sozialen Systems in Russland

 

1.      Rahmenbedingungen

Mit der Auflösung der Sowjetunion und den Transformationsprozessen in Russland nach 1990/91 brach nahezu die Hälfte des Wirtschaftspotentials in Russland weg. Es öffnete sich wirtschaftlich-sozial eine gewaltige Schere zwischen Arm und Reich sowie auch zwischen den einzelnen Regionen des Landes. Rund 21 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Hinzu kommt: Die Bevölkerung schrumpft jährlich um rund 700.000 Menschen; das durchschnittliche Lebensalter der Männer beträgt 59 Jahre; zwei bis drei Mio. Waisenkinder werden gezählt; Tuberkulose und HIV nehmen beängstigend zu. 60 Prozent der Bevölkerung üben Kritik an einem zu niedrigen Einkommen, 70 Prozent fürchten Preissteigerungen.

Vor diesem Hintergrund herrscht eine starke Nostalgie nach der sowjetischen Vergangenheit mit ihrem umfassenden, wenn auch leistungsschwachen staatlichen Fürsorgesystem, seiner sozialen Stabilität und seiner perzipierten Zukunftssicherheit. Der hohe soziale Preis der Reformen unter Jelzin führte dazu, dass im gesellschaftlichen Bewusstsein Russlands die Begriffe Demokratie, Marktwirtschaft und Freiheit heute weitgehend diskreditiert sind. Demokratie und Freiheit werden zugleich weniger politisch als sozial verstanden, nämlich als Gleichheit und soziale Gerechtigkeit.

Unter Putin erfolgte eine jährliche Einkommenssteigerung um rund 10 Prozent, der Anteil der Menschen unterhalb des Existenzminimums sank. Diese Entwicklung hatte bereits am Ende der Jelzin-Periode nach Überwindung des Finanzkollapses von 1998 eingesetzt, ist also nicht allein Putins Verdienst. Zu konstatieren sind Ansätze zur Bildung einer Mittelklasse mit konservativen Wertvorstellungen als Trägerin eines gewissen Konsolidierungsprozesses. Putin als Stabilisator genießt Vertrauen und hohes Ansehen (permanent um die 70 Prozent), nicht aber die institutionellen Stützen seines Systems (Regierung: 25 Prozent, Staatsduma: 20 Prozent, noch geringer Justiz, Parteien, Gewerkschaften etc.). Diese gewaltige Differenz in der Einschätzung von Präsident und Institutionen, verbunden mit verbreiteter politischer Apathie und geringer sozialer Integrationsfähigkeit des Systems, birgt durchaus Risiken nach dem Abtritt Putins 2008. Stichworte sind: sozial gefärbter Nationalismus und Populismus, genährt auch durch wachsende Fremdenfeindlichkeit. Ansatzweise wurde das Protestpotential sichtbar in den Folgen des Gesetzes zur Direktzahlung („Monetarisierung“) der großzügigen Sozialvergünstigungen, die die Löhne und Renten ergänzen.

 

2.      Kappen der sozialen Vergünstigungen

Zu Sowjetzeiten erhielten die Helden der Arbeit, die Vaterlandsverteidiger und ähnliche Personengruppen seitens des Staates kostenlos umfangreiche soziale Sachleistungen. Unter Jelzin wurden diese auf etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausgedehnt: Knapp 200 Personengruppen, darunter besonders die Rentner und die Invaliden, erhielten rund 150 diverse Sozialvergünstigungen. Dazu zählten insbesondere: kostenlose Nutzung der kommunalen Verkehrsmittel, Gratisbezug von Medikamenten, Nachlässe bei den Mietkosten etc. Jetzt sollten die Ansprüche auf kostenlose Sachleistungen durch Rubel-Barzahlungen ersetzt werden.

An sich war der Gedanke zur Änderung des Vergütungssystems durchaus sinnvoll: Weder konnte der Staat seine Sozialleistungen in vollem Umfang realisieren noch waren sämtliche Begünstigten wirklich bedürftig. Eine zielgerichtete und differenzierte Zuspitzung der Vergünstigungen nach individuellen Bedürfnissen und tatsächlichen Verdiensten hätte in der Bevölkerung vermutlich Zustimmung gefunden. Statt dessen wurde das von der Regierung eingebrachte Gesetz zur Ablösung sämtlicher Sachleistungs-Ansprüche durch direkte Rubelzahlung ohne gründliche Beratung durch die Staatsduma gepeitscht, wobei sich rasch die Vermutung bestätigte, dass die vorgesehenen Geldzahlungen teilweise weit hinter dem Wert der bisherigen Vergünstigungen zurückblieben und es darüber hinaus ärmeren Regionen überhaupt an entsprechenden Budgetmitteln mangelte. Hierzu einige Beispiele für die Monetarisierung, bezogen auf die Anzahl der Empfänger und die entsprechenden monatlichen Zahlungen:

 

Sowjetische und russische Arbeiterveteranen        18,9 Mio. Menschen            - 5,5 bis 8,2 €/Mon

Körperbehinderte:                                                       12,6 Mio. Menschen            -21,8 bis 38,1 Euro

Opfer politischer Repressionen                             1,0 Mio. Menschen            - 5,5 bis 8,2 Euro

Invaliden des 2. Weltkriegs                                             1,0 Mio. Menschen            -54,5 Euro

Kriegsveteranen                                                            0,8 Mio. Menschen            -41,0 Euro

 

Vor diesem Hintergrund unzureichender Monetarisierung kam es in verschiedenen Städten ganz Russlands zu umfangreichen Protestdemonstrationen, den größten seit dem Bergarbeiterstreik von 1998. Daraufhin erhöhte Putin die Grundrenten um 21 Euro, und eine Reihe materiell gut ausgestatteter Großstädte wie Moskau und St. Petersburg kehrten vor allem im Personenverkehrsbereich teilweise oder ganz zu den bisherigen Vergünstigungen für Rentner zurück. Die Reputation des „Systems Putin“ stand vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2007 bzw. 2008 auf dem Spiel – nicht zu sprechen von der Furcht der Systemeliten vor Farbenrevolutionen nach dem Beispiel Georgiens, der Ukraine oder Kirgisiens. Die schwache Rückkopplung innerhalb des Systems zwischen Regierenden und Bürgern, sichtbar in dem hastig verabschiedeten und daher undurchdachten und äußerst mangelhaften Gesetz über die Monetarisierung der Sozialvergünstigungen, lässt das Vertrauen der Bürger in die Staatsgewalt und seine Kompetenz schwinden – so Igor Iwanow, Ex-Außenminister und heute Sekretär des präsidialen Sicherheitsrats.

 

3.      Vier Nationale Projekte

Wohl auch als Folge der negativen Konsequenzen des Monetarisierungs-Projekts startete Putin im Sommer 2005 vier „Nationale Projekte“ mit dem Ziel, über eine Art Sozialpakt die soziale Lage der Bevölkerung insgesamt zu verbessern. Als Verantwortlicher fungiert Vize-Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew, der frühere Leiter der Präsidialverwaltung und möglicher Nachfolger Putins. Die vier Projekte sehen staatliche Sonderausgaben (2006: 4 Mrd., 2007: 7,7 Mrd. US-Dollar) auf den folgenden Feldern vor (Anlehung an eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung):

-         Gesundheit: Die Russen haben die niedrigste durchschnittliche Lebenserwartung in Europa. Die ärmeren Schichten können die medizinischen Leistungen nicht bezahlen, und eine kostenlose Krankenversorgung kann der Staat nicht bereitstellen.

-         Bildung: In der Selbstwahrnehmung fußen Russlands hohe kulturelle Leistungen sowie seine Erfolge in der Raumfahrt auf einem weltweit führenden Bildungswesen. Außerdem hängt die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft von der Qualität des Bildungssystems ab. Es ist heute jedoch in einem sowohl sozial ungerechten als auch qualitativ desolaten Zustand.

-         Wohnungswesen: Wohnraum war immer knapp, aber vom sozialistischen Staat hoch subventioniert. Wenn sowohl Wohnraum als auch die entsprechenden Versorgungsdienste mit kostendeckenden Preisen an die Wohnungsinhaber gekoppelt werden, wird Wohnraum für die ärmeren Schichten unbezahlbar.

-         Landwirtschaft: Im Gegensatz zu Moskau und den Provinzhauptstädten herrschen auf dem flachen Land Stillstand, massiver Verfall der Wohnraumqualität und allgemein Unterversorgung mit staatlichen Leistungen.

 

Noch lässt sich nicht überblicken, ob die Nationalen Projekte greifen oder, vergleichbar mit ähnlichen Plänen zuvor, nur geringe Wirkung entfalten. Umfragen ergaben, dass die Menschen die Realisierungschancen eher skeptisch beurteilen. In dörflichen Gegenden beispielsweise waren 87 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Reformen der kommunalen Wohnungswirtschaft die Qualität der angebotenen Dienstleistungen nicht verbessern, in St. Petersburg waren es sogar 96 Prozent. Schon heute zeichnet sich ab - und findet eine Bestätigung in kritischen Anmerkungen bis in die höchsten politischen Spitzen einschließlich Putin selbst: Mangelnde Gewaltenteilung, Kontrolle und Transparenz des „Systems Putin“ stärkt die Bürokratie und damit ihre Korruption und Ineffizienz. Die Bürokratie könnte wichtige Teile der in den Nationalen Projekten vorgesehenen Ausgaben auffressen.

Dr. Heinz Timmermann (Köln), Vorstandsmitglied im Bund Deutscher West-Ost-Gesellschaften, Berlin, sowie Freier Mitarbeiter der

Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin

 

 

 

Soziale Problemlagen aus gelebter Sicht

 

Wenn es um die heutigen sozialen Probleme in Russland geht, darf folgendes nicht übersehen werden: Während  die absolute Armut im Vergleich zu Sowjetzeiten kaum zugenommen hat, wird die gefühlte Armut immer stärker. Statt gesicherter Sozialleistungen auf einigermaßen gleichem (obwohl sehr bescheidenem) Niveau des „Realsozialismus“ erlebt die Bevölkerung eine wachsende soziale Differenzierung, die eher für den Frühkapitalismus typisch ist. Man kann nicht sagen, dass der Staat seine Bürger einfach im Stich gelassen hätte. Doch es wird immer deutlicher, dass es nicht nur zweit-, sonder dritt-, viert- oder fünftklassige Medizin, Bildung, Altersversorgung usw. gibt, abgestuft je nach Angehörigkeit der Menschen zu unterschiedlichen Sozialschichten und Gruppen, Löhnen, Regionen etc.

Neue große soziale Problemgruppen sind entstanden, die in der Sowjetunion so gut wie nicht existierten: die Obdachlosen, die Straßenkinder, die illegalen Gastarbeiter aus den anderen postsowjetischen Ländern. Die Zahl der Waisenkinder in Heimen nimmt ständig zu, und zwar Waisen lebendiger Eltern, die entweder ihre Kinder nicht selbst erziehen wollen oder die ihr Elternrecht wegen asozialen Verhaltens verlieren.

Die Versuche, diese Probleme zu lösen, sind bislang nicht besonders erfolgreich: Es mangelt einerseits an effizienten staatlichen Programmen und andererseits an gesellschaftlicher Solidarität. Anders als die für Russland traditionelle Familiensolidarität, die für die Mehrheit der Bevölkerung selbstverständlich ist und ohne die die Situation beispielsweise vieler Rentner katastrophal wäre, bleibt soziales Engagement der Bürger Russlands unterentwickelt. In diesem Sinne ist die Initiative Pskow höchst wichtig, nicht nur wegen ihrer eindrucksvollen konkreten Projekte, sondern auch als Schule des sozialen Engagements für russische Bürger.

 

Tamara Timmermann, Köln,

mit Großfamilie in Moskau