Predigt im Gottesdienst in Langenfeld am 14. Mai 2005

in Gedenken an das Ende des 2. Weltkrieges am 8. Mai 1945

 - Vizepräses Petra Bosse-Huber, Evangelische Kirche im Rheinland -

 

 

Liebe Gemeinde in Langenfeld und aus Pskow,

 

die vergangenen Wochen haben viele von uns noch einmal mit der Vergangenheit, genauer mit dem Ende des 2. Weltkrieges vor 60 Jahren konfrontiert. In Medien und Veranstaltungen, aber auch in persönlichen Gesprächen und Erinnerungen kam der Mai 1945 vielen von uns noch einmal nahe. Manch einer oder einem bis unter Haut.

 

Lassen Sie mich zwei persönliche Erinnerungen aus den vergangenen Wochen beisteuern, die sich auf zwei sehr verschiedene Orte beziehen.

 

Die eine Erinnerung: Ich stehe mit einer Gruppe rheinischer Christinnen und Christen in einem dunklen grabähnlichen Raum. Vor mir auf flachen schwarzen Basaltplatten die Namen von 21 Vernichtungslagern. Auschwitz, Treblinka ... Inmitten des großen Raumes steht eine Kassette mit Asche aus den Krematorien. In mir drinnen regt sich – wieder einmal - diese tiefe Bestürzung, Schrecken und Scham. Es fällt mir immer noch schwer als Deutsche, als Nachgeborene, an einem solchen Ort der Erinnerung und Vergegenwärtigung zu stehen, die Vergangenheit auszuhalten. Natürlich weiß ich, wie all die anderen Besuchenden auch, die hier nach Yad Vashem, zum zentralen Ort der Holocausterinnerung in Israel kommen, dass wir immer und immer wieder durch den dunklen Tunnel der Erinnerung müssen, wenn wir  das Licht der Versöhnung und des Friedens sehen wollen. Billiger ist weder die Gegenwart noch die Zukunft zu gewinnen. „Yad Vashem“ - ein Jesajazitat (56, 5), übersetzbar als „Denkmal und Name“. An diesem Ort sollen die namenlosen Vergasten und Ermordeten ihren Namen zurückbekommen, dem Vergessen entrissen werden, ihre Lebens- und Leidensgeschichten den Nachgeborenen erzählt werden.

Wir, eine Gruppe von Superintendenten und Kirchenleitungsmitgliedern legen in Yad Vashem einen Kranz für unsere rheinische Kirche nieder. Deutsch wird in der dunklen Halle der Erinnerung mit Rücksicht auf die Opfer nicht gesprochen, aber wir dürfen das ewige Licht der Erinnerung, das diesen todesdunklen Ort mit seiner Flammen nur flackernd erhellt, ein wenig heller drehen.

 

Eine Woche früher ein ganz anderer Ort. Auch hier eine Kranzniederlegung zur Erinnerung an die ungezählten Opfer des 2. Weltkrieges. Unsere Delegation aus der Evangelischen Kirche in Deutschland steht schweigend an der Kremlmauer in Moskau am Grab des unbekannten Soldaten. Wir haben gemeinsam mit russischen Christen auf Einladung der russisch-orthodoxen Kirche den Polygon von Butovo, eine grauenhafte Vernichtungs- und Hinrichtungsstätte besucht. Wir waren gemeinsam an anderen Orten der Gewalt und des Krieges, den Deutsche über Russland gebracht haben. Nun stehe ich im April 2005 an der Kremlmauer im Regen und versuche mir vorzustellen, für wen wir diesen Kranz hier niederlegen: Für die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt in Russland. Für die bis zu 27 Millionen Kinder, Frauen und Männer, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ermordet und hingemetzelt wurden. Ich versuche mir das vorzustellen: 27 Millionen. Ich kann das nicht. Es gelingt mir nicht. Es ist eine Zahl, um die Fassung zu verlieren und den Verstand. Viele Soldaten und Zivilisten, russische und deutsche, haben über dem, was sie taten, sahen und erlitten damals tatsächlich den Verstand verloren, sind krank geworden an Leib und Seele. Andere haben nie wieder eine Nacht ihres Lebens ruhig geschlafen, manche sterben heute mit dem ganzen Schrecken dieser Jahre vor ihrem inneren Auge.  

 

Jerusalem und Moskau sind zwei sehr unterschiedliche Orte, aber sie bleiben durch die Ereignisse vor über 60 Jahren tief und schrecklich verbunden, untereinander und mit uns Deutschen. Es ist die gemeinsame Geschichte unserer Länder und unserer Völker, die wir in diesen Wochen erinnern. Auch die Schuldgeschichte unserer evangelischen Kirche. Die Geschichte unserer Familien, die tief hineinwirkt in unser Leben heute und in das unserer Kinder und Enkelkinder.

 

„Damals geschah es durch das Heer...“ Als die Rote Armee die Stadt Pskow am 23. Juli 1944 nach dreijähriger Besatzung befreite – ich zitiere Dieter Bach -  bot sie „einen furchtbaren Anblick; Gähnend leere Fensterhöhlen, Ruinen, Glasscherben, trostlose Stahlbetonberge. Nur 16 Häuser in der Stadt waren unversehrt. 143 Menschen – von einst 60.000 Bewohnern – wurden am Tag der Befreiung registriert. In der Stadt und in ihrer unmittelbaren Umgebung waren fast 400.000 Ermordete, Gefallene und Verhungerte in Massengräbern verschart worden.“

 

„Es geschah durch das Heer ...“ Dieser Satz hat etwas vieldeutiges. Der Tod von Säuglingen und Kriegsgefangenen, Zivilistinnen und Partisanen, Jüdinnen und Juden wurde durch die deutsche Wehrmacht nach Pskow und an die anderen Orte dieses schönen und weiten Landes gebracht. Deutsche Soldaten brachten unzähligen Menschen und zuletzt sich selbst und dem eigenen Volk den Tod. „Es geschah durch das Heer ...“ dieser Satz gilt aber auch für die Rote Armee, die gemeinsam mit den alliierten Streitkräften nicht nur dem übrigen Europa sondern auch Deutschland die Befreiung vom Naziterror brachte. Was  für einen unglaublichen Preis, welchen Blutzoll hat beim „Großen Vaterländischen Krieg“, wie er in Russland genannt wird, das russische Volk und die russische Armee bezahlt. 

 

„Es geschah durch das Heer ...“ dieser Satz gilt. Auch wenn des Kriegsendes in Deutschland und Russland in den vergangenen Wochen auf sehr unterschiedliche Weise gedacht worden ist. Dieser Satz ruft all die persönlichen Geschichten von Leid und Tod, Schuld und Gewalt auf russischer und deutscher Seite wach. Geschichte und Geschichten, wie viele von Ihnen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und der Ihrer Familien, Ihrer Eltern, Freundinnen und Freunde zu erzählen hätten.

 

Ein Prophet der hebräischen Bibel hat vor über 2500 Jahren auch solch einen Satz über das Militär, das Heer aufgeschrieben. Einen unglaublichen Namen trägt der Mann: Sacharja. Übersetzt heißt dieser Name: „Der Herr erinnert sich.“ Gott vergisst nicht, kein einziger Name der Opfer geht bei ihm verloren. Aber auch kein Tätername verschwindet bei ihm, wie sie so oft damals und heute aus unseren Akten verschwinden. Über keine einzige Geschichte von erlittener Gewalt, von Vergewaltigung und Folter geht der heilige und lebendige Herr hinweg. Auch da, wo unser menschliches Verstand und unser Herz das Ausmaß von menschlichen Leid nicht zu erfassen mögen, erinnert er sich in allen unfassbaren schrecklichen Einzelheiten. Jedes Verbrechen gegen die Menschlichkeit, jede Gewalt gegen eines einer Geschöpfe richtet sich gegen den Schöpfer selbst. An diese biblische Wahrheit erinnert uns der Prophetenname: Sacharja. Gott erinnert sich.      

 

Die Bibel hat uns Sacharjas Visionen bewahrt, sie für die folgenden Generationen aufgehoben. Es sind Zukunftsworte für kleinmütige und ängstliche Leute. Es sind eindringliche Friedensworte angesichts einer verheerenden Geschichte von Gewalt und Krieg. Sacharja hat diese Friedensworte auszurichten gehabt angesichts einer verwüsteten Stadt Jerusalem und angesichts eines zerstörten Tempels. Etwas Neues sollte seinen Anfang nehmen, der Tempel sollte wieder aufgebaut werden als Zentrum eines neuen sozialen und friedlichen Gemeinwesens. Die Menschen damals schauten nicht auf sechzig Jahre nach dem  Ende eines Weltkrieges zurück, aber auf siebzig Jahren im Exil (Sach. 1, 12). In sieben hinreißenden Visionen erzählt Sacharja den Menschen von diesem neuen Jerusalem, das nach dem Willen Gottes eine mauerlose und offene Stadt werden kann. Eine Stadt des Friedens und der Verständigung.

 

Allerdings gibt es diesen geschenkten völligen Neuanfang nach Auskunft von Sacharja nicht umsonst. „Gott erinnert sich.“ Die aufgehäufte Schuld im Land Juda darf nicht verdrängt und geleugnet, sie muss abgetragen werden. Sacharja wird hier sehr konkret, unangenehm konkret wohl für seine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Er nennt Namen, behaftet Personen bei ihrer Verantwortung. Selbst der Hohepriester Josua muss erst entsündigt werden, bevor er sein öffentliches Amt wieder antreten darf (3, 1-7). Es gibt eine Vorstellung von kollektiver Schuld und Verantwortung auch beim Propheten Sacharja: Die ganze vorexilische Generation wird für das Exil in Haftung genommen (1, 2-6a), aber daneben bleiben die einzelnen Frauen und Männer behaftbar, auf ihre persönliche Schuld und die eigene Verantwortung für einen Neuanfang.

 

Einzelne Menschen ruft Sacharja im Namen des Lebendigen an dieses Friedenswerk. Einer von diesen Friedensarbeitern soll der Statthalter Serubabel werden, der von der persischen Zentralregierung in Jerusalem eingesetzt wurde. Ein Ausländer und Nichtjude in den Augen der einen; ein politischer Verantwortungsträger, den Gott brauchen will, in den Augen des Sacharja. An ihn wendet sich der Prophet mit den Worten (4, 6):

 

„Das ist das Wort des Herrn an Serubabel: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“

 

Wir haben uns eben versucht daran zu erinnern, was vor über sechzig Jaren durch Heer und menschliche Machtanmaßung an Zerstörung angerichtet worden ist. Dennoch behalten das Militär oder andere Formen eigennütziger menschlicher Macht mögen sie im Gewand wirtschaftlicher Interessen oder politischer Strategie daherkommen nicht das letzte Wort. Gott lässt ihnen nicht das letzte Wort. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“ Das letzte Wort haben nicht die menschlichen Mächte der Zerstörung sondern Gottes schöpferischer Geist. Triumphieren soll nicht der Tod, sondern das Leben.

 

Damals stand Sacharja mit Serubabel vor den Trümmern von Jerusalem. Zwei realistische Männer im Gespräch miteinander, Prophet der eine, Realpolitiker der andere.

Vor ihren Augen türmen sich die Schwierigkeiten, ein schier unbezwingbarer Berg, der sie von ihrem Ziel trennt. Dennoch lässt der Prophet den Statthalter Serubabel hören: „Wer bist du, du großer Berg, der du doch vor Serubabel zur Ebene werden musst?“ (V.7) Gebirge von Schwierigkeiten gilt es nüchtern und unaufgeregt zu bilanzieren. Sie sollen aber nicht zum Alibi verkommen, um anstehenden schweren Aufgaben aus dem Weg zu gehen.

 

Liebe Gemeinde, sind wir Menschen, die sich von Gottes Geist in Bewegung setzen lassen? Trauen wir diesem Geist zu, dass er auch Berge von Schwierigkeiten zu überwinden vermag? Dass er Krieg und Zerstörung nicht das letzte Wort lässt? Dass er stärker ist als Heere und menschliche Mächte?

 

Morgen feiern wir Christinnen und Christen der Westkirchen Pfingsten, das Fest der Verständigung und Versöhnung durch Gottes Geist. Vielleicht sollten wir die Fortsetzung der Geschichte von Pskow als solch eine ermutigende Pfingstgeschichte verstehen. Als ein Wunder, das sich vor unseren Augen abgespielt hat und noch weiter geht. Viele von Ihnen waren an dieser Pfingstgeschichte beteiligt. 1991 als Delegierte mit dem damaligen Präses Peter Beier bei der Bitte um Vergebung in Pskow. Auf russischer Seite, als mutige Menschen die Hand zur Versöhnung über den Abgrund des Krieges hinüber reichten. Und in all den Jahren, als aus einem kleinen Anfang ein Pfingstwunder wurde. Ein Wunder, das „nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch Gottes Geist geschah“.

Noch einmal können wir uns die Worte des Sacharja leihen, wenn wir uns ansehen, wie aus der privaten Initiative einiger Visionäre das heutige heilpädagogische Zentrum und all die anderen Partnerschaftsprojekte in Pskow entstanden sind. Sacharja merkt für seine Friedensvision dem Serubabel gegenüber an: „Denn wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein ...“ (4, 10a). Noch ist kein Schlussstein in Sicht für Pskow, im Gegenteil- große Vorhaben stehen noch aus. Aber wie viele lebendige Steine sind hier „seit dem geringsten Anfang“ schon errichtet worden. Sicherlich kein neuer Tempel und kein neues Jerusalem wie in der Vision des Sacharja, aber eine friedliche und soziale Stadt, die andere ermutigt und sichtbar werden lässt, was Gottes Geist alles möglich ist.

 

Das ist Anlass zur Freude und zum pfingstlichen Jubel in diesem Gottesdienst. Anlass zu tiefer Dankbarkeit, dass wir des 60. Jahrestages des Kriegsendes hier in Langenfeld gemeinsam als russische und deutsche Christinnen und Christen gedenken dürfen. Geschenkte Versöhnung, die tiefer und weiter reicht als alle menschlichen Verheerungen.

 

Aber es ist auch Anlass für die sehr persönliche Frage, wo Gottes Geist uns heute brauchen kann für sein Werk der Versöhnung und des Friedens. Wo Gott, der Gewalt und Krieg nicht vergisst, uns erinnern lehrt. Wo er unsere klare Stimme braucht, um sein Nein zu Ausgrenzung und Unterdrückung, zu Ausländerhass und Antisemitismus in der Gegenwart hörbar werden zu lassen. Wo sein schöpferischer Geist uns anstecken will mit ermutigendem visionären Möglichkeitssinn. Wo er uns die Erfahrungen schenken will, dass selbst Gebirge von Unmöglichkeiten flach werden können wie eine Ebene und sich für uns selbst völlig überraschend seine neue Wirklichkeit auftut.

Weil bei Gott alle Dinge möglich sind.

Lassen wir uns ermutigen von der Verheißung und Erfahrung des Sacharja:

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“ 

Amen.