Behinderung ist kein Defizit, sondern fordert Solidarität heraus - Von  Klaus Eberl (Vorsitzender)

Menschenbilder: Ein Sportler steht auf dem Siegertreppchen. Eine schöne Frau präsentiert die neueste Mode auf dem Laufsteg. Wissenschaftler präsentieren eine Erfindung. Künstler faszinieren Millionen. - Bilder von Siegern fallen uns ein, wenn wir über Menschenbilder nachdenken.

Krankheit und Behinderungen, Niederlagen und Fehler, Schwachheit und Hilfsbedürftigkeit kommen in diesen Bildern selten vor. Meist wird der Sinn des Lebens an der Leistungsfähigkeit gemessen, an Schönheit und Intelligenz, bisweilen auch an der Fähigkeit, anderen zu helfen. Schnell werden die, die nicht der Norm entsprechen, abgewertet, als Ballast empfunden. Es gibt ein Menschenbild, das Behinderung als Störfall, als Belastung der Gesellschaft ansieht. Das hat in der Geschichte zu Ausgrenzung und Isolation, im Extremfall zu Beseitigung und Mord geführt.

Als wir in Pskow 1993 das Heilpädagogische Zentrum gründeten, hatten wir ein ganz anderes Menschenbild vor Augen: Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Kinder mit Behinderungen Freude und Gemeinschaft erfahren. Sie lernen nach ihren jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnissen, sich selbst zu versorgen und sich im Alltag zu orientieren. Ein fröhlicher Ort. Es wird gesungen, gespielt und gefeiert. Überall ist zu spüren, dass die Mitarbeiter die Kinder lieben wie sie sind. Integration ist das Ziel. Dafür kann eine Sondereinrichtung nur die Voraussetzungen schaffen. Die Kinder kaufen auf dem Markt ein, besuchen Schwimmbäder und Sommercamps. Sie lernen schließlich: Wir sind wertgeschätzt.

 In welchem Menschenbild ist dieser Ansatz begründet? Menschen mit Behinderungen zeichnet die gleiche Würde aus wie alle anderen. Sie ist nicht gebunden an Fähigkeiten. In der Bibel heißt es: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Gen 1,27). Würde ist ein unverfügbares und unverlierbares Geschenk Gottes, nicht zu erleisten oder zu verdienen. Außerdem ist jeder Mensch ein Gemeinschaftswesen. Er gibt und nimmt, hilft und empfängt Hilfe. Man kann es auch so ausdrücken:

- Wir sind gewollt. Behinderung ist kein Defizit.

- Wir sind geliebt. Behinderung ist eine Herausforderung, die Lasten solidarisch zu tragen.

- Wir sind befreit. Die Kriterien, die die Gesellschaft für ein „normales“ Leben bereitstellt, haben keine Bedeutung.

 Besonders schön beschrieben wird das christliche Menschenbild im Motiv vom Leib Christi (1 Kor 12,26). Alle Menschen sind wie in einem Organismus verbunden. Christliche Gemeinde versteht sich als Ergänzungsgemeinschaft, in der Geben und Nehmen selbstverständlich sind. Stärke, Gesundheit und Intelligenz sind keine Vorzüge, wie Schwäche, Krankheit und Behinderung kein Makel sind. Denken, sprechen, laufen ist nicht wichtiger als Staunen über Kleinigkeiten, Lachen ohne Maß, Zuneigung ohne Vorbehalt. Es kann in diesem Horizont keine Aufteilung zwischen Helfer und Hilfeempfänger geben. Die Welt, in der wir leben, ist eine Art „Patientenkollektiv“. Das schließt eine herablassende Haltung der Helfer gegenüber den Hilfsbedürftigen aus, zumal sich die Rollen im Laufe der Lebensgeschichte verändern: mal sind wir Geber, mal Empfänger. Jeder schaue selbstkritisch in den Spiegel. Jeder kennt seine eigenen Behinderungen und Begrenzungen. In christlicher Perspektive ist jeder Mensch auf Hilfe angewiesen, ein imperfektes Wesen.

 

 Als ich im Zivildienst in einer Einrichtung mit schwer behinderten Jugendlichen arbeitete, fertigte mein Vater für mich eine Plastik an. Ein Kind, von zwei Händen beschützt. Ich empfand dies als schöne Darstellung meiner Arbeit, denn ich war stolz, anderen Menschen zu helfen. Erst viele Jahre später erkannte ich, dass die Hände der Plastik nicht meine, sondern meines Vaters Hände waren - er hatte Arbeiterhände, meine hingegen sind zierlich. Mein Vater wollte wohl ausdrücken: Du bist immer beides zugleich, Helfer und Beschützter, Geber und Empfänger. Beide Rollen verdienen Wertschätzung. 

Integration gelingt, wo das Miteinander als Chance begriffen wird, in der sich alle Seiten verändern. Menschsein heißt „In-Beziehung-Sein“. Wir sind nicht autonom. Wir sind eingebunden in vielfältige Zusammenhänge. Nicht aus den Fähigkeiten des Menschen resultiert seine Würde, die ihm mit der Gottebenbildlichkeit zugesprochen wird, sondern aus der Bejahung, die von Anfang an für jedes Leben gilt. - In Pskow wollen wir so arbeiten, dass dieses Menschenbild zum Ausdruck kommt.