Pskow,  die sozialste Stadt Russlands

 

 

Geschichte der Stadt Pskow im Zweiten Weltkrieg Eroberung und deutschen Besatzung  Die Befreiung

Fotos Deutsche Woche in Pskow 2005

                         

 

 

Die Stadt Pskow:  Vom Bollwerk gegen den Westen zur sozialsten Stadt Russlands

Aus der Geschichte der Stadt

Das russische Land ist reich an vielen kleinen, dem fremden Auge kaum auffälligen Städten, die aber in der Geschichte Russlands eine große Rolle gespielt haben. Eine davon ist Pskow, früher Pleskau genannt.

Sie liegt inmitten der malerischen Seenlandschaft Nordwestrusslands. Durch die Stadt fließen 7 Flüsse. Die größten davon sind Welikja und Pskowa, an deren Zusammenfluss auf einem hohen Felsvorsprung vor mehr als 1000 Jahren, zum ersten Mal erwähnt im Jahre 903, eine Siedlung entstanden ist, gegründet von Slawen und Warägern.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich zu einer mächtigen Festungsstadt entwickelt, umringt von 5 Stadtmauern hintereinander.

Pskow ist durch Jahrhunderte ein Bollwerk gegen den Ansturm aus dem Westen gewesen. Viele Jahre war es der Deutsche Orden, der sie zu erobern suchte. Es kamen die Polen unter Stefan Batory, die Schweden unter Gustav Adolf, es kamen die Soldaten Kaiser Wilhelms II. und die deutsche Wehrmacht.

In mehr als 50 Belagerungen ist die Festung drei Mal erobert worden, und drei Mal waren es die Deutschen.

1240 drang der Deutsche Orden in die Stadt ein, weil ein verräterischer Bojare die Tore öffnete. Zwei Jahre der Okkupation wurden  durch die Schlacht auf dem Eis des Peipussees beendet, in der der russische Fürst Alexandr Newskij die Deutschen entscheidend besiegte. Im Jahre 1918 waren es deutsche Truppen, welche die Stadt besetzten, um den Diktatfrieden von Brest Litowsk durchzusetzen. Auf Bajonette war ihre Herrschaft gestützt. Und 1941 kamen die deutsche Wehrmacht, der Sicherheitsdienst und die SS für drei Jahre in die Stadt.

Als Pskow befreit wurde, waren von den einmal 60.000 Einwohnern 164 übrig geblieben, 16 Häuser waren unzerstört. Aber 392.000 Russen waren gestorben, erfroren, ermordet worden und in Massengräbern rund um die Stadt verscharrt worden.

Diese Wunde blutete durch viele Jahre. Deutsche Kriegsgefangene wurden gezwungen, nach 1945 die Stadt wieder mit aufzubauen. Das Verhältnis zu den Deutschen blieb lange gestört.

Zuerst waren es die Bürger aus Gera, die zaghafte Friedensbemühungen unternahmen, 1988 die Neusser, die ein Partnerschaftsverhältnis mit den Pskowern begannen. Und im Jahre 1991 war es schließlich die Initiative Pskow, ein Zusammenschluss von Christen und Nichtchristen, die einen Prozess der Versöhnung einleiteten, der bis zum heutigen Tag anhält.

Die Stadt wuchs auf 200.000 Einwohner an. Und in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russen und Deutschen entstand ein soziales Projekt nach dem andern. Einen Schwerpunkt bildete die Fürsorge für Menschen mit geistigen Behinderungen. Aber andere Gruppen wie die Waisen, Jugendliche, die straffällig geworden waren oder als Prostituierte ihr Geld verdienten, Sterbenskranke, die ein Hospiz brauchten, sie alle wurden nicht vergessen.

Der russische Staat wurde auf die positive Entwicklung aufmerksam. Im Jahre 2005 wurde der Stadt der Goldene Engel verliehen als der sozialsten Stadt in der Russischen Föderation.

 

 

 

1.1     Pskow im Zweiten Weltkrieg

 

Vom 8. Juli 1941 bis zum 23. Juli 1944 war Pskov von den Deutschen besetzt: Drei Jahre voller Schmerz, Hunger und Entbehrungen, drei Jahre der Erniedrigung, des Raubens und Mordens. Nicht daß alle Deutschen, die sich in der Stadt befanden, aktiv daran beteiligt gewe­sen wären. Es gab auch deutsche Frauen und Männer, die als Besatzer eine Zeitlang in der Stadt lebten, die sich per­sönlich ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Aber es war das nationalsozialistische System, der Rassendünkel, der den »Untermenschen« Russe und erst recht den »Untermenschen« Jude zum Sklaven erniedrigte, zum Objekt der Willkür machte.

Im Nordabschnitt der Kämpfe nahm Pskov in verschiedener Hin­sicht eine Schlüsselstellung ein. Es diente als Stützpunkt im Hinter­land bei der 900tägigen Belagerung Leningrads, und später, beim Vor­marsch der Roten Armee, war es ein Knotenpunkt in der sogenannten Panther-Stellung, die den baltischen Raum abriegelte und lange zäh von den Deutschen verteidigt wurde. So saß in Pskov während der ganzen Zeit der Stab der 18. Armee. Hier befand sich eine Hauptstelle des berüchtigten Einsatzkommandos des deutschen Sicherheitsdien­stes (SD) la, verantwortlich für Morde an der Bevölkerung, vor allem an den Juden. Die Organisation TODT, zuständig für den Straßen-, Brücken- und Bunkerbau, hatte ihre Baracken im Kreml aufgeschla­gen. Auf dem Flughafen lagen Kampfflieger und Nachschubstaffeln. Das Feldeisenbahnkommando 4, zuständig für ein Streckennetz von 1 200 km, beschäftigte allein fast 26 000 Menschen. Die Instandset­zungsarbeiten wurden von hier aus gelenkt. Im Kampf mit den Parti­sanen spielte der Ort keine unwesentliche Rolle. Auch die Wirt­schaftsinspektion Nord, verantwortlich für die Ausplünderung des Landes, hatte hier ihren Sitz. Drei Lazarette befanden sich in der Stadt, riesige russische Kriegsgefangenenlager lagen an ihrem Rand.

Zeitweise gab es 70 000 Besatzer in der Stadt, die Bevölkerung war wieder auf 30 000 angewachsen. 100 000 Menschen auf so engem Raum, auf dem die Deutschen selbstverständlich die besten Lebens­möglichkeiten für sich beanspruchten.

 

1.2       Die Eroberung der Stadt und die Jahre der deutschen Besatzung

Eine Stadt leidet, wie sie noch nie gelitten hat.

 

Während der ganzen Zeit aber litten die russischen Menschen in der Stadt unter der deutschen Unterdrückung. Die Besatzungsbehörden brachten ihre Gesetze mit, die Bevölkerung war völlig rechtlos.

Alle deutschen Einrichtungen dienten dazu, die Sklaven für die künftige Herrenrasse in diesem Gebiet zu erziehen. Gut ablesbar ist das am Schulwesen, das 1942 wieder in Gang kam. Natürlich gab es keine Hochschule, keine Gym­nasien, sondern nur 5 Grundschulen für Kinder im Alter von 8 – 13 Jahren. Sie sollten nur lernen, was man als Knecht oder Industriearbeiter braucht.

Das war es. Religionsunterricht war obligatorisch. Wer die ganze Szenerie jedoch von der Seite des Unterworfenen sah, der erkannte erst das volle Grauen. Direkt nach der Eroberung erhielten alle Straßen deutsche Namen. Man wurde zum Fremden in der eigenen Stadt. Auch in die persönli­chen Dokumente mußten diese Namen eingetragen werden. Alle Ein­wohner wurden registriert. Die arbeitsfähige Bevölkerung von 14-60 Jahren wurde dienstverpflichtet. Wo und wie jemand zur Arbeit ein­gesetzt wurde, das bestimmten allein die Deutschen. Zum Teil wurden Frauen, Männer und Halbwüchsige in Arbeitslager am Rande der Stadt gesteckt, zu schwerer Arbeit herangezogen bei schlechter Er­nährung und schlechter Bezahlung.

Der Durchschnittslohn lag bei 500 Rubeln, davon gingen 10% Steu­ern ab. Der Rubel stand im Verhältnis zur Reichsmark 10: 1. Hinzu kamen weitere Steuern: eine Katze - 35 Rubel, ein Hund - 25 Rubel. Hunde und Katzen gab es aber nur sehr wenige in der Stadt, weil es nichts zu essen gab. „Benutzung eines öffentlichen Hydranten" - 90 Ko­peken im Monat; stand er mehr als 300 Meter entfernt - 60 Kopeken; eine Steckdose - 25 Rubel und so weiter.

 Auch die ärztliche Versorgung war so teuer, daß sie sich kaum einer leisten konnte. Die Bevölkerung war gezwungen, sich auf altertümli­che Weise zu kurieren. Heilkräuter wurden gesammelt und in der Hausapotheke eingesetzt.

Nur Krankheiten, vor denen die Deutschen sich fürchteten, wur­den kostenlos behandelt. Dazu gehörten alle Ansteckungskrankhei­ten, besonders Flecktyphus und Geschlechtskrankheiten, die sich trotz der extra eingerichteten zwei Bordelle für Deutsche in der Stadt stark ausbreiteten.

Die Verpflegung war so schlecht, daß die meisten ständig hunger­ten. Der Arbeitende bekam täglich 350 g Brot, der Nichtarbeitende 175 g. Hinzu kamen 200 kg Kartoffeln im Jahr für Arbeitende, 100 kg für Nichtarbeitende. Alle anderen Lebensmittel fehlten. Sie wurden von der Wirtschaftsinspektion Nord sofort für die deutsche Wehr­macht requiriert. Die Nichterfüllung der Lieferungen wurde grau­sam - bis hin zur Erschießung - bestraft.

Am schlimmsten waren natürlich die Willkürmaßnahmen der Schreckensherrschaft. So wurden z.B. für einen deutschen Soldaten, der tot in einer Kanalisation entdeckt wurde, zehn Geiseln öffentlich auf dem Marktplatz erschossen. Ihre an Säulen gebundenen Körper blieben zur Abschreckung für eine ganze Woche auf dem Platz.

Die schärfsten Maßnahmen wurden gegen die Juden ergriffen. Gleich nach der Besetzung der Stadt wurden sie registriert, mußten den gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen. Man zwang sie zu den schwersten Arbeiten. In einer Nacht wurden sie alle aus der Stadt herausgeführt und erschossen.

 

1.3     Die Befreiung

 

Nach dem schweren Bombenangriff im Februar 1944 begann die Eva­kuierung der Stadt. Nun wurde alles, was für die Deutschen noch brauchbar schien, nach Westen geschafft: die Einrichtungen der Fa­briken, Rohstoffe, Lebensmittel, Vieh und Kunstwerke. Vor allem aber führte man auch eine zwangsweise Evakuierung der Bevölkerung durch. Freiwillig gingen nur die, die mit den Deutschen paktiert hat­ten. Die meisten weigerten sich, versteckten sich, wurden in Razzien mit Hunden aufgespürt. 11 000 Menschen wurden ins Baltikum und nach Deutschland evakuiert. 3000 verloren dabei ihr Leben.

Was nicht mitgenommen werden konnte, wurde planmäßig ver­nichtet. Jetzt erst wurde die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Die Häuser wurden gesprengt, auch Kirchen und historische Gebäude nicht verschont. Lediglich in der Dreifaltigkeitskathedrale wurde die Zündung der schon gelegten Minen verhindert. Der Glockenturm des im 17. Jahrhundert errichteten Snetogorskij-Klosters wurde ebenso gesprengt wie die Nikita-Merenick-Kirche. Mit Spezialfahrzeugen hat man die Bahngleise zerstört. Fabriken, das Kraft- und das Wasserwerk flo­gen in die Luft. Schulen, Kliniken, Geschäfte, Post und Bank wurden ein Opfer der Zerstörung. Mehr als 3 000 Häuser wurden vernichtet, 93% der Wohnfläche.

In der deutschen Soldatenzeitung »Die Front« schreibt am 26. Juli Leutnant Heinrich Rodener über die Zerstörung: »Über der Stadt liegt ein roter Widerschein. Von Zeit zu Zeit tritt Stille ein, sie ist voller Er­wartung, wird dann von einer Explosion unterbrochen. Pioniere sind bei der Arbeit ... und plötzlich ein Krachen von allen Seiten. Überall Explosionen: Schienen, Fabrikgebäude, das Kraftwerk und der weiße Wasserturm, ein charakteristisches Zeichen in der Silhouette der Stadt, stürzen ein ... Es wird heller. Aber die Sonne kann die grauen Qualm­wolken über den Ruinen nicht durchbrechen. Über der Brücke lodern helle Flammen auf, betäubendes Geprassel. Der Eisenbinder bricht in Stücke, schwingt sich in die Luft und stürzt ins trübe Wasser. Am nächsten Tag konnten die Pioniere sich zurückziehen ... Sie haben hinter sich einen Trümmerhaufen gelassen.«

Am 23. Juli, am Vortag des Festes der heiligen Olga, der Schutzhei­ligen von Pskov, wurde die Stadt durch die 42. Sowjetische Armee be­freit. Es befanden sich noch 143 Einwohner in der Stadt. 16 Häuser waren unbeschädigt geblieben. 392000 Verhungerte und Ermordete befanden sich in Massengräbern rund um die Stadt.

 

Quelle von 1.1-1.3: Deutsche Spuren in einer russischen Stadt, Hrsg. Von Dieter Bach/Wladlen Smirnow,  Wuppertal 1997, S. 97 – 104, S.119 - 121