Städtepartnerschaft

Konferenz in Wolgograd vom 23. bis 27.Juni 2009

Vortrag von Hans Paskert beim Workshop 4 „Partnerschaftliche Modelle der Zusammenarbeit von städtischen Verwaltungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen“

 

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, wie es in den beiden Überschriften zu diesem Workshop ausgewiesen ist, muss ich ein paar Erklärungen voranstellen.

 

Die Initiative Pskow ist ein deutscher eingetragener Verein mit Sitz in Duisburg. Dort ist sie beim Amtsgericht eingetragen und als „Initiative Pskow in der Evangelischen Kirche im Rheinland“ registriert. Sie hat ihre Wurzeln in der Mülheimer Akademie der Landeskirche „Haus der Begegnung“, deren Direktor lange Jahre Dr. phil., Dr. (rus) Dieter Bach war, der noch heute als Geschäftsführer der Initiative arbeitet. Bei der umfangreichen Akademiearbeit gab es einen besonderen Schwerpunkt: die Versöhnung mit Russland. Im Jahre 1990 entschloss man sich in der Akademie, eine Reise unter dem Oberthema „Versöhnung“ in die damalige Sowjetunion durchzuführen, in der Bürger, Christen aus Deutschland, versuchen wollten zu zeigen: es gibt in Deutschland Menschen, denen es leid tut, was zwischen 1941 und 1945 von den Faschisten dem russischen Volk an Leid zugefügt worden ist.

 

Auf diese Weise kamen im Juni 1991 mehr als 70 Bürger unter der Führung von Präses Peter Beier nach Russland, um die Bürger von Pskow, die ab 1941 besonders stark unter der deutschen Besatzung gelitten hatten, um Vergebung zu bitten und ihre Versöhnungsbereitschaft anzuzeigen. Unter den deutschen Teilnehmern befand sich auch ein junger Pfarrer mit der Überlegung: diese einmalige Versöhnungsbegegnung kann doch nicht alles gewesen sein. Er wollte ein nachhaltigeres Zeichen setzen. Pfarrer Klaus Eberl ist heute Oberkirchenrat in Düsseldorf und Vorsitzender des Vereins. Bei seiner Analyse, wo Hilfe am nötigsten sein könnte, stieß er auf die Gruppe der geistig behinderten Menschen, die 1991 in Russland noch so leben mussten, wie in anderen zivilisierten Staaten vor ganz vielen Jahren. Er gründete mit russischen Freunden und Gleichgesinnten das Heil-Pädagogische Zentrum (HPZ), das dann schon 1993 mit sehr viel deutscher, auch staatlicher, Hilfe in Betrieb gehen konnte. Sein damaliger und heutiger Direktor ist hier anwesend und kann ihnen gleich erklären, welche Auswirkungen dieser erste Schritt auf das gesamte soziale Leben in der Stadt Pskow hatte.

 

Ich möchte Herrn Zarjov nichts vorwegnehmen, aber ich muss zu seinem HPZ trotzdem schon einen Satz sagen, damit man die nachfolgenden Ausführungen auch versteht. Das HPZ ist nach deutschem Verständnis eine Sonderschule für geistig behinderte Menschen und in allen Punkten nach deutschen Vorbildern geschaffen worden. Es bietet ca. 50 Schülern unter 18 Jahren eine schulische Betreuung und vor allem Förderung an. Schon sehr bald nach der Eröffnung stellte sich die Frage, weil man auch ältere Schüler hatte aufnehmen müssen: Was passiert mit den geförderten Schulabgängern nach dem 18. Lebensjahr? Sollten alle Bemühungen umsonst gewesen sein, wenn diese dann wieder in das alte System der so genannten „Internate“ zurück müssen?

 

Diese Frage ist in Deutschland seit Mitte der siebziger Jahre gesetzlich geregelt. Die Anschlusseinrichtung für eine Sonderschule ist eine Werkstatt für behinderte Menschen. Ab 1996 wurde in der Akademie „Haus der Begegnung“ daher an den Vorstellungen für die Realisation einer solchen Werkstatt gearbeitet.

 

An dieser Stelle möchte ich gern einen kurzen Einschub machen und wenige Ausführungen zu meiner Person machen:

Mein Name ist Hans Paskert. Ich bin fast 71 Jahre alt und seit 6 Jahren Rentner. Im Jahre 1996 wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, als Seniorexperte beim Aufbau einer Werkstatt in Russland zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt war ich Geschäftsführer eines Werkstättenverbundes von fünf Werkstätten für behinderte Menschen. Ich arbeitete fleißig an den Vorstellungen für eine Werkstatt in Pskow mit, ohne zu ahnen, was daraus entstehen würde. Da Akademiedirektor Dieter Bach 1997 als Pensionär die Akademie verließ und die Nachfolger die Arbeit mit Osteuropa nicht mehr in den Vordergrund stellten, war durch diese beiden Rückschläge eine völlige Neuorientierung nötig.

 

Mit den von der Wichtigkeit der begonnenen Arbeit überzeugten Freunden wurde eine NGO als e.V. gegründet und als „Initiative Pskow in der Evangelischen Landeskirche im Rheinland“ registriert. Seitdem führt die Initiative die Arbeit fort. Ich vergleiche die Entwicklung oft mit den konzentrischen Kreisen, die sich nach einem Steinwurf ins ruhige Wasser ganz von selbst bilden.

 

Nach diesem Bild ist die Werkstatt für behinderte Menschen in Pskow schon die zweite Welle, die nach der Gründung des HPZ entstanden ist. Was daraus sonst noch geworden ist, wird ihnen im Anschluss von Dr. Zarjow, dem Direktor des HPZ, und von Frau Pyshowa von der Stadtverwaltung Pskow vorgestellt. Ich möchte hier nur noch ergänzen, wie unsere Initiative aufgebaut ist und wie sie arbeitet.

 

Der Verein besteht aus ca. 300 Mitgliedern. Der größte Teil sind natürliche Personen, aber auch juristische Personen und Vereine mit eigener Satzung sind darunter. Zum Zweck des Vereins ist in der Satzung festgehalten: „Der Verein gibt Impulse für die Unterstützung kirchlicher, sozialer und kultureller Vorhaben, sowie der Fort- und Weiterbildung in der Stadt Pskow. Er koordiniert solche Vorhaben, vernetzt sie und berät die Beteiligten. Er kann selbst Träger entsprechender Projekte sein.“

 

Der Verein dürfte nach der Satzung Mitarbeiter einstellen und alles das tun, was nach der Gemeinnützigkeitsverordnung [das ist ein Gesetz in Deutschland, das unter anderem auch die Steuerpflicht von Vereinen regelt] einem normalen Wirtschaftunternehmen auch erlaubt ist.

 

Allerdings hat der Verein sich neben der Satzung auch noch einen internen Codex gegeben, nach dem der Vorstand und die Geschäftsführung handeln.

Daraus erwähne ich hier die Hauptregeln:

- Es gibt keine bezahlten Kräfte in Deutschland und es werden in Russland auch für Deutsche keine Vergütungen bezahlt.

- Sollten Mitarbeiter projektbezogene Vergütungen erhalten, erwartet der Verein diese als Spende zurück, da er ja sonst keine Eigenmittel erwirtschaften darf, aber immer wieder bei selbst verantworteten Projekten Eigenmittel von den Zuschussgebern erwartet werden.

- Für die Mitarbeitenden gibt es keine Aufwandsentschädigung oder pauschale Reisekosten. Die entstehenden Kosten werden in Naturalien abgegolten (Fahrkarte, Unterkunft, Verpflegung).

- Sonderzuwendungen gibt es nicht.

 

Bei diesen Regeln ist es klar, dass das Engagement für die Mitarbeitenden nicht materiell motiviert ist: Bei der Initiative kann man nichts verdienen, im Gegenteil, diejenigen. die mitmachen, sind oft auch unsere größten Spender. Unser Team besteht zu einem erheblichen Teil aus Rentnern und Pensionären. Wir bezeichnen sie in Anlehnung an die Bezeichnung des S E S, der Stiftung der deutschen Wirtschaft, auch gerne als unsere Seniorenexperten im Sozialbereich.

 

Bei all unseren Projekten war die Stadtverwaltung Pskow unser verlässlicher Partner, mit dem die Projekte bis in alle Einzelheiten abgestimmt wurden. Im Anschluss an meine Ausführungen wird Frau Alexandra Pyshova Ihnen darüber berichten können.

 

Ihnen ist allen hinreichend bekannt, dass vor einigen Jahren in der Russischen Föderation die Gesetzgebung im Sozialbereich erneuert wurde. Dabei gab es ganz einschneidende Veränderungen bei den Zuständigkeiten im Bereich unseres Partners. Wo früher die Stadt mit ihrer Verwaltung allein das Sagen hatte, bekamen wir es mit neuen Gesprächspartnern zu tun, weil verschiedene Verantwortlichkeiten zum Oblast wechselten.

 

So geschah es auch, dass wir vom Oblast angefragt wurden, ob wir in unserem Weiterbildungsinstitut für die sozialen Bereiche in Pskow nicht auch eine Fortbildung für leitende Mitarbeiter in Altenheimen des Oblast durchführen könnten. Damit ergab sich die für uns die Notwendigkeit oder auch die Chance, zusätzlich auch in diesem Bereich tätig zu werden.

 

Altenheime sind heute noch in der Russischen Föderation Sammelbecken nicht nur für alte Menschen, sondern dort werden (genau wie bei uns in der BRD früher) alle Behinderungsarten untergebracht, für die man keine spezielle Lösung hatte. So kommt es, dass dort neben den Alten auch Demente, geistig behinderte Menschen, psychisch behinderte Menschen, Wohnungslose, entlassene Strafgefangene und Menschen mit anderen Behinderungsarten untergebracht sind. Das Wort „untergebracht“ ist mit Absicht so gewählt, weil ich mich weigere, das, was heute dort noch geschieht, mit „leben“ zu bezeichnen.

 

Der stellvertretende Geschäftsführer der Initiative, Ulrich Hack, machte sich in Deutschland auf die Suche nach Kooperationspartnern und Finanzierungsmöglichkeiten, da im laufenden Etat dafür keine Mittel zur Verfügung standen. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, Berlin“ (EVZ) hat dann das Projekt maßgebend gefördert, da man unter den durch das Projekt indirekt geförderten Heimbewohnern eine größere Anzahl von Zwangsarbeitern aus dem Weltkrieg fand. So konnte dann das Projekt „Weiterbildung von Führungspersonal und Pflegekräften in Altenheimen und psychoneurologischen Internaten des Pskower Gebietes“ durchgeführt werden. Darüber liegt eine umfangreiche Dokumentation vor. Ich denke, dass die EVZ noch mehr Exemplare davon besorgen kann, sofern Interesse daran besteht.

 

In insgesamt 220 Unterrichtsstunden wurden 20 Einrichtungsleiter fortgebildet. Dazu gehörte auch eine mehrtägige Hospitation in Deutschland für alle Teilnehmer. Das Projekt war sehr erfolgreich und soll jetzt auf anderen Hierarchiestufen fortgeführt werden.

 

Zum Erfolg des Projektes möchte ich Ihnen gerne über eine Begegnung in einem Ort etwa 120 km von Pskow entfernt berichten. Ich war dort als Berater der W. P. Schmitz-Stiftung, Düsseldorf, in einem kleinen Altenheim. Es ging um die Förderung eines Küchenumbaus. Die Leiterin gab sich als Teilnehmerin des oben beschriebenen Fortbildungsseminars zu erkennen und berichtete voller Stolz, was sie schon alles von dem Gelernten umgesetzt hatte, auch ohne dass größere Investitionszuschüsse geflossen waren.

 

Nun ist schon mehrfach der Ausdruck „Bildungsinstitut“ gefallen, ohne dass ich ihnen erklärt hätte, was dahinter steckt. Das möchte ich jetzt nachholen. Schon bald nach der Inbetriebnahme der Werkstatt stellten wir fest, dass ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Faktor bei der Lösung unserer Probleme, die Mitarbeiterschaft ist. Für die Werkstatt benötigt man eigentlich doppelt qualifizierte Mitarbeiter: Die Anleiter sollten neben der fachlichen Kompetenz auch ein Mindestmaß an pädagogischer Qualifikation haben. Schon bei den berufsfachlichen Vorstellungen klaffen die Realität und unsere Vorstellungen weit auseinander. Ein russischer Schreiner ist nicht so ausgebildet wie ein Schreiner in Deutschland. Und bei den pädagogischen Voraussetzungen konnten wir überhaupt keine Ansätze finden, da die alte, aus der Sowjetunion herübergerettete, sozialistische Lehrmeinung von der Korrekturpädagogik erheblich von unseren durch andere ethische Grundsätze geprägten Auffassungen abweicht.

 

Bei diesem Dilemma war der Kompromiss für uns: Wir müssen Menschen ausbilden, die danach als Multiplikatoren das Gelernte selbständig an nachfolgende Generationen weitergeben können. Die Robert Bosch Stiftung ist dankenswerter Weise unseren Vorstellungen gefolgt und so entstand das Institut. Wir haben etwa 30 Mitarbeiter aus allen sozialen Projekten geschult und dann 10 zu Multiplikatoren weitergebildet.

 

Zum Schluss meiner Ausführungen möchte ich Ihnen noch einige wenige Vorstellungen über die Perspektiven unserer Arbeit in Russland aus meiner persönlichen Sicht vermitteln.

-                                                         Ich werde - wie in den letzten Jahren - fast jeden Monat eine Woche in Russland sein, und zwar solange, wie ich willkommen bin.

-                                                         Meine russischen Kollegen vermuten, genau so wie ich, dass das noch viele Jahre notwendig sein könnte

-                                                         Wir aus dem Westen müssen uns langsam aber sicher von der Vorstellung frei machen, als Goldesel in die Russische Föderation zu kommen.

-                                                         Unsere Hilfe muss kontinuierlich in eine Beratungstätigkeit umgewandelt werden.

-                                                         Unsere Ratschläge können auf dem Weg, den die Russen als ihren eigenen selbst finden müssen, dazu helfen, Umwege zu vermeiden und Irrwege auszuschließen.

 

Inzwischen werden wir auch aus anderen Städten Russlands angefragt. Letzte Woche, also vom 14. Juni bis zum Abflug hierher nach Wolgograd, habe ich eine Schulung durchgeführt für 8 Mitarbeiter aus dem mittleren Management in sozialen Betrieben der Republik Karelien, vornehmlich aus Petrosawodsk. Wir haben etwa 10 Projekte in NRW und Rheinland Pfalz im Werkstattbereich und in modernen Wohnheimen angesehen. Unser Standort war im Westerwald, und wir waren jeden Tag in einer anderen Stadt: Von Mönchengladbach an der holländischen Grenze bis nach Meisenheim an der Nahe, schon fast im Saarland. Dabei war meine Hauptthese:

So mühsam es ist, wir müssen erreichen, dass wenigstens ein Teil unserer russischen Mitbürger anfängt umzudenken. Die Veränderungen müssen in den Köpfen der Menschen beginnen und begriffen werden.

Jurij Katz, ein Freund aus der Stadt Wladimir, sagte einmal auf die Frage, was man in der RF von uns erwartete: „Es reicht uns schon, wenn ihr als Freunde kommt.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.