Kirchenprojekt verändert russische Behindertenpolitik - Erstmals staatliche Gelder für die einzige Behindertenwerkstatt Russlands - (epd-Gespräch)
Am 8. April 2010 veröffentlichte der Evangelische Pressedienst (West) den folgenden Interview-Bericht.
Duisburg/Pskow (epd). Nach zwölf Jahren Aufbauarbeit wird die einzige Behindertenwerkstatt Russlands in der Stadt Pskow, bislang ausschließlich von deutschen Geldern finanziert, erstmals vom russischen Staat finanziell gefördert. "Wir haben für die russischen Menschen mit geistigen Behinderungen einen entscheidenden Durchbruch erzielt", sagte Dieter Bach, Geschäftsführer der Initiative Pskow, am Donnerstag im epd-Gespräch. Der letzte Bauabschnitt der Werkstatt, für den eine Million Euro Kosten veranschlagt sind, werde zur Hälfte von der zuständigen Verwaltungseinheit, dem Oblast Pskow gefördert.

 

Der Generalgouverneur des Oblast Pskow, Andrei Turtschak, habe nach einem Besuch der Werkstatt vom "Wunder von Pskow" gesprochen, berichtete Bach, früherer Leiter der Evangelischen Akademie Mülheim. Dass geistig Behinderte auch lernen, arbeiten und sich am Wirtschaftsleben beteiligen können, sei für viele Menschen in Russland absolut neu. Bislang würden nahezu alle "Nichtleistungsträger" in abgeschotteten Heimen, den so genannten psychiatrische Anstalten, weitab von allen Städten untergebracht. Es seien "Verwahranstalten, in denen Behinderte anregungslos dahinvegetieren", kritisierte Bach.

Der Oblast Pskow und der zuständige Generalgouverneur setzten sich bei der Regierung in Moskau dafür ein, die Behindertenwerkstatt Pskow als Modell für die russische Förderation zu empfehlen, sagte Bach weiter. Gelinge das, dann werde das Pionierprojekt beispielgebend für ganz Russland. "Ich bin überzeugt davon, dass es in zehn Jahren mindestens zehn solcher Werkstätten in Russland geben wird", sagte Bach, der für seine langjährige deutsch-russische Aussöhnungsarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

In den Jahren 1998 bis 2006 schuf die Initiative Pskow nach eigenen Angaben für 2,5 Millionen Euro die Werkstatt mit 170 Plätzen für Behinderte ab 18 Jahren. Der im Mai beginnende letzte Bauabschnitt soll 80 weitere Plätze in den Bereichen Näherei, Kartonageabteilung, Gärtnerei und Holzwerkstatt ausbauen. Die Initiative Pskow in der Evangelischen Kirche im Rheinland, 1991 als Versöhnungsprojekt gegründet, müsse dafür allerdings noch 250.000 Euro an Spendengeldern auftreiben, sagte Bach. Dies soll durch Benefizkonzerte, Spendenläufe und Sonderaktionen, unter anderem der Städte Kleve und Merzig geschehen.

Die Initiative Pskow ist ein selbstständiger Verein mit 350 Mitgliedern. Vorsitzender ist der Düsseldorfer Oberkirchenrat Klaus Eberl, die Geschäftsführung liegt bei Dieter Bach. Die Initiative unterstützt 40 humanitäre Projekte in der 200.000 Einwohner zählenden nordrussischen Stadt Pskow, im Mittelpunkt stehen Projekte für Menschen mit geistigen Behinderungen. Es entstand ein integriertes Hilfssystem vom Frühförderzentrum über Kindergarten und Schule bis zur Behindertenwerkstatt.