Ein Tag aus dem Leben eines Zivildienstleistenden in Pskow

 

Es ist Montagmorgen und mein Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Schnell schalte ich ihn aus, um Svenja, meine Freundin, nicht zu wecken. Sie beginnt ihre Arbeit später als ich.

Ich stehe auf und gehe ins Bad. Unter der Dusche fällt mir ein, dass es in Deutschland gerade erst 4.40 Uhr ist und alle noch schlafen. Ich bin in diesem Jahr in Pskow, einer Stadt 270 km südwestlich von St. Petersburg.

Ich arbeite als Zivildienstleistender  für 11 Monate in der Werkstatt für geistig behinderte Menschen, meine Freundin ist engagiert im Freiwilligen Sozialen Jahr gegenüber in der Schule, dem Heilpädagogischen Zentrum.

Ich esse und trinke noch etwas und verlasse um kurz vor 7.00 Uhr das Haus, das auf dem Gelände der Werkstatt liegt. In der Woche arbeiten hier 120 geistig und schwer mehrfach behinderte Menschen zwischen 18 und 73 Jahren in verschiedenen Abteilungen, wie zum Beispiel in der Gärtnerei, der Näherei, der Wäscherei, der Holzverarbeitung und der Schreinerei. Mehr als 30 von ihnen sind im Förder- und Betreuungsbereich untergebracht.

 

Mein Arbeitstag beginnt um 07.00 Uhr. Zusammen mit dem Fahrer bin ich in einem alten deutschen Schnellbus für 45 Personen in Pskow unterwegs. Wir holen die Männer und Frauen mit schweren Behinderungen zu Hause ab, die im Trainings- oder im Förder- und Betreuungsbereich untergebracht sind. Ich helfe beim Einsteigen, schiebe zwei, manchmal auch drei Rollstühle in den Bus.

Heute ist es knapp über 0 Grad. Das erschwert meine Arbeit. Die Bürgersteige, wenn sie überhaupt vorhanden sind und natürlich nicht behindertengerecht ausgebaut, sind ziemlich matschig.

 

An der ersten Station warten Sergej und seine Mutter schon auf uns. Sergej ist 22 Jahre alt. Er sitzt im Rollstuhl. Er ist Epileptiker. Wie hinter jedem der behinderten Menschen steht auch hinter Sergej eine traurige Geschichte. Als sein Vater von der Behinderung des Sohnes erfuhr, hat er die Familie verlassen. Mit seiner Mutter lebt er in ärmlichen Verhältnissen. Seine Kleidung scheint nur aus gespendeten Kleidungsstücken aus Deutschland zu bestehen und seine Schuhe sind ihm mehrere Nummern zu groß. Dank der Hilfe, die die Initiative Pskow hier leistet, kann Sergejs Mutter vormittags arbeiten gehen, um die finanzielle Situation der beiden zu verbessern.

„Sehr gut“, kann Sergej auf deutsch sagen, und das tut er immer, wenn ich ihn frage, wie es ihm geht. Dann lacht er bis über beide Ohren und freut sich riesig. Das geschieht besonders dann, wenn ich ihn beim Armdrücken gewinnen lasse.

 

Um 08.40 Uhr sind wir auf dem Werkstattgelände zurück. Ich helfe beim Umziehen der Jugendlichen. Dann arbeite ich entweder in der Holzverarbeitung, in der ich Figuren, Katzen oder Hunde oder den berühmten Pskower Engel ausschneide. Oder ich arbeite in der Näherei. Dort sitze ich am PC und entwerfe Logos für Restaurants oder Geschäfte, die dann auf Folien ausgeschnitten und auf T – Shirts, Taschen und Schürzen gedruckt werden.

 

In der Mittagspause gehe ich in die Schule gegenüber. In ihr verbringt Svenja ihr soziales Jahr. Sie arbeitet in der 2. Klasse. Morgens und nach dem Mittagessen zieht sie die Kinder um. Sie hilft beim Unterricht, indem sie die Kinder beim Malen und Basteln unterstützt. Außerdem füttert sie beim Frühstück und beim Mittagessen eins der Kinder, das es das wie einige Andere allein nicht schafft.

Auf Grund ihrer unterschiedlichen Behinderungen benötigen die Kinder viel Aufmerksamkeit und individuelle Betreuung. Dies ist für Svenja eine neue und spannende Erfahrung.

 

Ich gehe zuerst mit einem 17 jährigen Jungen, der im Rollstuhl sitzt, auf die Toilette und esse dann mit der 3. Klasse zu Mittag.

Nach der Pause gehe ich mit den Jungendlichen der Fördergruppe spazieren und helfe wieder beim Umziehen. Um 3 Uhr werden sie mit dem Bus nach Hause gefahren. Dieses Mal begleitet sie eine Mitarbeiterin.

 

Am Nachmittag besuchen Svenja und ich den Russischunterricht. Manchmal lehren wir selbst deutsch für russische Studenten.

 

Soziale Kontakte haben wir auch schon geknüpft und so interessante Einblicke in das russische Privatleben gewonnen. Davon kann ich vielleicht später einmal erzählen.

 

Fabian Bach