1. Die politische Phase
Die politische Phase begann auf russischer Seite mit Glasnost und Perestrojka. Auf deutscher Seite stand der Versöhnungsgedanke im Vordergrund. Nach dem Ende des ,,Kalten Krieges" war es höchste Zeit, den Gedanken der Versöhnung mit der Sowjetunion voranbringen. Die Mülheimer Initiative hatte sich Ende der 80er Jahre dieser Frage angenommen und notwendige Vorarbeiten für einen Beschluss der rheinischen Landessynode geleistet. Dort wurde neben dem "Wort zum 50. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion" zugleich ein Besuchsprogramm beschlossen, damit nach den verschiedenen Vertragswerken auf politischer Ebene Versöhnung und Frieden in den Herzen der Menschen wachsen können. Eine Delegation aus Pskow besuchte die Rheinische Kirche und eine kirchliche Delegation machte den Gegenbesuch in der historisch bedeutsamen russischen Stadt. 1991 war die Versorgungslage sehr schwierig und es herrschte große Not. Daran konnte kein Besucher vorbeisehen. Konsequent wurde eine neue Phase eingeleitet. Versöhnung sollte so buchstabiert werden, dass konkrete Hilfe für die Menschen in Russland möglich wurde.
2. Die Phase der humanitären Hilfe
Eine kleine Gruppe war 1991 zu Gast bei Vater Adelheim, Priester der russisch-orthodoxen Kirche. Er hat eine behinderte Tochter. Es begann ein Austausch darüber, wie unter russischen Rahmenbedingungen Behindertenarbeit aussehen könnte. Bald beteiligte sich an dieser Diskussion auch eine Elterninitiative. Die Wassenberger Kirchengemeinde übernahm die Partnerschaft für diese Arbeit. Ging es zunächst um die Planung eines Treffpunktes, so stellte sich bald heraus, dass der Bau eines Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) nötig sein würde. Es wurde mit Hilfe der Landesregierung Nordrhein-Westfalen in kurzer Bauzeit errichtet und ist bis heute als Tagesstätte für schwerstmehrfach behinderte Kinder und Jugendliche einzigartig in Russland. Die Wassenberger Kirchengemeinde traute sich mit Unterstützung vieler anderer Gemeinden und Einzelpersonen die Übernahme der Trägerschaft zu. Seit 1993 werden im HPZ 60 Kinder und Jugendliche heilpädagogisch und krankengymnastisch gefördert. Sie haben enorme Fortschritte gemacht, sind selbständiger geworden und haben neue Freude am Dasein gefunden. Das HPZ wurde zum Motor für viele andere Aktivitäten.
Inzwischen ist eine Werkstatt für Behinderte entstanden, in der Verantwortung der Stadt Pskow ein Kindergarten, eine Säuglingsstation und einiges mehr.
Die Akzente, die speziell in der Behindertenarbeit gesetzt worden sind, strahlen nach ganz Russland aus. Das in Zusammenarbeit mit der Rurtalschule Oberbruch erarbeitete Curriculum hat für das Moskauer Bildungsministerium inzwischen Modellcharakter.
Die Erfahrungen, die Wassenberg und die Initiative Pskow mit dem HPZ und der Behindertenwerkstatt gemacht haben, können als exemplarisch für viele Initiativen angesehen werden.
Es ist nicht möglich, deutsche Rahmenbedingungen und Konzepte unverändert auf Russland zu übertragen. Stets fordern die anderen Arbeits-, Lebens- und Haushaltsbedingungen unsere Kreativität heraus. Partnerschaft ist keine Einbahnstraße: In der Partnerschaft mit Russland ist auch die deutsche Seite lernende und gewinnende.
3. Die aktuelle und kommende Phase - Aktuelle Überlegungen zur Zusammenarbeit
Welche Aufgabe wollen wir uns zutrauen? - Die Satzung ist in dieser Frage offen. Die Initiative Pskow ist Dach für viele andere Aktivitäten, große und kleine, kurzfristige und langfristige. Was kann die Initiative leisten? - Sie ist ein Forum des Informationsaustausches. Wir können voneinander lernen und alltägliche und grundsätzliche Fragen zur Bewältigung der Aufgaben klären: Visa, Krankenversicherung, Transporte, Zollfragen, Spendeneinwerbung, Öffentlichkeitsarbeit, Studienreisen.
Klaus Eberl/Dieter Bach